Zwischen Nähe und Distanz

„Mir fehlt die Nähe zu den anderen!“, „Nähe zeigen auf 1,50 m Abstand – das geht gar nicht!“

Seit mehr als einem Jahr sind solche Sätze zu hören, beklagen wir die Vorgaben zu Social Distancing aufgrund der Corona-Vorschriften. Während für die einen Abstand Sicherheit bedeutet, werden andere davon krank. Die Corona-Pandemie stellt uns die Aufgabe, unser Verhältnis von Nähe und Distanz neu zu finden. Ob wir uns jemals wieder ungezwungen mit Handschlag oder Umarmungen begrüßen werden? Ob wir uns beim Abendmahl wieder die Hand reichen oder gar aus einem Kelch trinken werden?

Auch gegenüber Gott müssen wir das Verhältnis zwischen Nähe und Distanz immer wieder neu ausloten. Die einen suchen die Nähe zu Gott und ersehen diese im Lobpreis „Näher, näher zu dir, näher mein Gott zu dir“. Anderen bleiben solche Worte suspekt; insbesondere, wenn sie Erfahrungen gemacht haben, die sie an der Nähe Gottes zweifeln lassen. Im Psalm 139 beschreibt der Beter, wie er in seinem Verhältnis zu Gott zwischen Nähe und Distanz hin- und hergerissen wird. Er will Gott entfliehen und kommt doch nicht von ihm los. Er kann nicht „gottlos“ werden und will es letztlich auch nicht mehr. Am Ende findet er darin Geborgenheit, bei Gott zu sein, sich unter seiner Obhut zu wissen.

„Gott ist nicht ferne von einem jeden von uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.“ (Apostelgeschichte 17, 27/ Monatsspruch für Juli) So sagt es der Apostel Paulus zu den Menschen in Athen während seiner Missionsreise. Paulus zeigt sich beeindruckt von der Art, wie in Athen die Nähe zu Gott bzw. den Göttern gesucht wird. Neben vielen Altären und Götterstatuen findet sich sogar ein Altar für den unbekannten Gott. „Besser einen Gott zu viel als einen zu wenig“, werden sich die Athener gesagt haben. Zur Sicherheit verehren sie sogar den unbekannten Gott. Daran knüpft Paulus an und erklärt, dass Gott kein Unbekannter geblieben ist. Er hat sich bekannt gemacht, ist uns Menschen so nahegekommen, wie es nur möglich ist. In Jesus Christus ist er selbst Mensch geworden und hat die Distanz zu uns überbrückt, hat Anteil genommen an unserem Leben, sogar an unserem Leiden und Sterben. In Christus hat Gott sich mit uns verbunden, damit wir ihm nahe sein können und im Sterben ihm nahe bleiben.

Keinem von uns ist Gott fern. Paulus denkt nicht von uns Menschen her, ob wir Gott brauchen oder nicht. Gott ist für ihn nicht notwendig, vielmehr ist er selbstverständlich. Seiner Nähe kann sich keiner entziehen, so wie sich kein Fisch dem Wasser oder kein Mensch der Luft entziehen kann. Wir leben in Gott, er ist der Rahmen, innerhalb dessen wir existieren. Wir leben durch Gott, er ist der Schöpfer, der uns gewollt und ins Leben gerufen hat. Wir leben bei Gott, weil er auf Beziehung aus ist und sein Geist in dieser Welt wohnt.

Gott ist überall dort, wo wir sind. Die Selbstverständlichkeit seiner Nähe bleibt auch dann in Kraft, wenn uns diese Selbstverständlichkeit fraglich wird. Sie ist nicht von uns abhängig oder wird von uns herbeigeführt. Wohl aber darf ich sie suchen, darum bitten, mich für sie offenhalten und mich in ihr bergen. So will die Nähe zu Gott, die wir im Glauben erfahren, uns wohltun und Geborgenheit schaffen. Sie will und kann gerade auch dort helfen, wenn wir menschliche Nähe vermissen und unter Social Distancing leiden. Dann gilt insbesondere: Keinem von uns ist Gott fern!

Mit herzlichen Grüßen für eine gesegnete Sommerzeit

Ihr Pfarrer Daniel Förster