Gedanken übers Danken

„Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte wäret ewiglich.“ Psalm 107,1

Jedes Jahr im Herbst wird in den Kirchen Erntedank gefeiert, fest verortet ist dieses Fest im kirchlichen Jahresfestkreis. Wir denken daran, was auf den Feldern und in den Gärten gewachsen ist und wollen Gott dafür danken. Dabei ist Dankbarkeit in erster Linie eine Haltung, die ich dem Leben gegenüber einnehme, nicht allein eine Frage, wie viel ich habe. Also auch keine Frage, wie viel ich geerntet habe. Undankbarkeit entspringt der Gedankenlosigkeit, wenn ich vergesse, was mir alles geschenkt worden ist, oder ich für selbstverständlich hinnehme, was auch ganz anders hätte sein können. Undankbarkeit nimmt dem Leben den Glanz, nimmt uns die Erfahrung des Staunens und das Glück, sich als Beschenkte zu entdecken. Davon erzählt die folgende Geschichte:

In einer Zeit, als es noch keine Autos und Eisenbahnen gab, trafen sich zwei Postboten, die auf ihren Pferden durchs Land zogen. „Stell dir vor“, begann der eine zu erzählen. „Als ich mich heut‘ Morgen auf den Weg machte und die Brücke über den Fluss überqueren wollte, da scheute plötzlich mein Pferd und warf mich ab. Gott sei Dank blieb ich unverletzt. Doch als ich aufstand, um mein Pferd bei den Zügeln zu nehmen, sah ich, dass die Brücke vom Hochwasser beschädigt war. Hätte mein Pferd mich nicht abgeworfen, wäre ich sicher in die Fluten gestürzt. Ich sank auf die Knie und dankte Gott, dass er mich auf so wunderbare Weise vor der Gefahr bewahrt hat.“

Der andere Postbote strich sich über seinen Bart und sagte selbstbewusst: „Ich musste noch nie auf meine Knie gehen, um Gott zu danken. Ich bin bisher immer unbeschadet auf meinen Wegen vorangekommen und vor Gefahren verschont geblieben. Und wenn es doch gefährlich wurde, so habe ich mir bisher immer selbst helfen können.“ Eigentlich wollte er sich über seinen naiven Kollegen noch weiter lustig machen. Aber irgendetwas in ihm hinderte ihn daran. Vielleicht war er sogar etwas neidisch auf die Art, wie sein Kollege das Leben sehen konnte.

Im Namen aller Mitarbeiter und Kirchvorsteher grüßt Sie herzlich

Ihr Pfarrer Daniel Förster