Jesus weint
Still war es am 27. März 2020 auf dem Petersplatz in Rom, einem Platz, der sonst vom Trubel lebt und von Menschen belebt wird, sogar bei Gottesdiensten. Da wird auf dem Platz gesungen, gejubelt, geklatscht, gefeiert. An jenem Tag jedoch - es war ein Freitag - war es still. Ein dunkler Tag, so erinnern sich die, die dabei waren, ein Tag, der schon zwei Wochen vor Karfreitag die Atmosphäre von Karfreitag vorwegnahm. Die Corona-Pandemie war über die Menschen hergefallen. Eine eigenartige Stimmung aus Unverständnis und Verunsicherung machte sich breit. Für diesen Freitag hatte der Vatikan einen Gottesdienst auf dem Petersplatz angekündigt. Der Papst segnet die Welt, hieß es in der Ankündigung. Im Grunde nichts Besonderes, jeden Tag spricht der Papst den Segen. Doch auch im Vatikan galt der Lockdown. Und aufhorchen ließ daher die Wortwahl. Der Papst spreche den Segen „Urbi et Orbi - der Stadt und dem Erdkreis“. Das geschieht nur an Weihnachten, zu Ostern oder in Notzeiten.
Leer, leise, still war es auf dem Petersplatz, wo sonst Tausende zusammenkommen, um den Gottesdienst oder die Audienzen zu erleben. Nur ein paar wenige Mitarbeiter für die Übertragung waren zugegen. Aber von dieser leisen, stillen Atmosphäre ging etwas aus. Eine feierliche Stille, eine gefüllte Leere, so habe es manche bezeichnet, die es miterlebt haben.
Der Himmel fiel im wahrsten Sinn des Wortes aus allen Wolken. Es regnete, als würde der Himmel weinen. Und dann ging ein Einzelner über den Platz, ohne Gepäck und doch beladen, beladen mit den Sorgen und Ängsten der Menschen. Er ging zum Eingang des Petersdoms und blieb unter einem Kreuz stehen, das dort aufgestellt worden war, ein altes römisches Pestkreuz, aus der Kirche San Marcello al Corso zum Petersdom gebracht. Schon im 15. Jahrhundert haben Menschen an diesem Kreuz gebetet und sie haben es durch die Straßen von Rom getragen, hin zu den Kranken und den Sterbenden, damit sie diesen Christus schauen konnten, den, der mit ihnen die Schmerzen erlitt und ihre Krankheit ertrug und in den Tod gegangen war. Jetzt betet dort der Papst.
Es gelang der Kameraführung, das Gesicht des Gekreuzigten immer wieder ins Bild zu setzen. Auf diesen Christus sollte die Welt an diesem Abend schauen, mitten in dieser Leere, in dieser Stille, die weniger gespenstisch wirkte als vielmehr andächtig, gefüllt und heilig. Von der Dornenkrone und dem Gesichte tropfte das Wasser, es lief über die Nase, die Wangen und das Kinn. Es sah aus, als würde Christus weinen. Monsignore Erwin Albrecht, einer, der an diesem Abend dabei gewesen ist, hat in Erinnerung an diesen Abend und mit Blick auf dieses Bild gesagt: „Schaut hin, welch ein Mensch und was für ein Gott. Findest du dich wieder in deiner Not, wenn du das schaust? Wenn hier kein Segen sich verbirgt, wo dann?“
(überarbeiteter Text von E. Albrecht, Sendebeauftragter der Bayrischen Bischöfe in “Gottesdienst im Kirchenjahr“, Gottesdienstinstitut Nürnberg 2022)
Es grüßt Sie herzlich im Namen des Kirchenvorstandes und aller Mitarbeiter
Ihr Pfarrer Daniel Förster