Trügerische Idylle oder lebendige Hoffnung?

Was für ein Bild! Wolf und Schaf einträchtig nebeneinander! Kann das sein? Wird uns hier etwas vorgemacht? Ist der Wolf noch ein Wolf? Der Prophet Jesaja beschreibt mit Bildern aus der Tierwelt die Zukunft Gottes: „Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie.“ (Jesaja 11,6 – Monatsspruch für Dezember) Alle Feindschaften sind überwunden, das Fressen und Gefressenwerden hat ein Ende. Die Starken leben mit den Schwachen in Eintracht und Frieden. Was für eine Welt!

Schnell sind wir dabei, solche Visionen unter Verdacht zu stellen. Träumerei! Illusion! Eine trügerische Idylle! Die Wirklichkeit sieht anders aus – leider! Da geht es hart zur Sache. Der Stärkere gewinnt, Unterschiede führen zur Auseinandersetzung. Diese Wirklichkeit kennt der Prophet Jesaja auch und davor verschließt er seine Augen nicht. Er sieht, wie seine Heimat, das kleine Land Juda, von den Großmächten bedroht wird. Er sieht, wie der König wankt, wie die Mächtigen versuchen, ihre Macht zu sichern, und wie die kleinen Leute in Ängste und Sorgen geraten.

Doch statt sich von dieser Realität lähmen zu lassen oder als Wutbürger dem Zorn freien Lauf zu geben, stellt der Prophet dieser harten Realität etwas anderes entgegen. Ihm wird eine Hoffnung geschenkt, die Vision einer Zukunft, die atemberaubend ist: Frieden wird sein, Versöhnung wird möglich, Gerechtigkeit wird gelebt. Weisheit wird die Menschen leiten und die Erkenntnis Gottes wird sie führen. Diese Zukunft ist so unvorstellbar, dass nur Gott sie schaffen kann. Dazu wird er seinen Gesandten schicken, den Friedenskönig und Messias. Dieser kommt als Kind und als Nachkomme des großen Königs David, um das Friedensreich aufzurichten. So verheißt es Jesaja. Für ihn war diese Vision eine Quelle der Kraft, um an der harten Realität nicht kaputtzugehen oder der Wut darüber nachzugeben.

Als 600 Jahre später Jesus zur Welt kam, deutete vieles darauf hin, dass die Vision des Jesaja sich endlich erfüllte. Jesus hat das Reich Gottes verkündigt, er hat Versöhnung gepredigt und den Menschen den Frieden Gottes zugesprochen. Er hat sich dem Unrecht in den Weg gestellt und ist diesen Weg bis an das Kreuz gegangen. Er hat die harte Realität unserer Welt am eigenen Leib erfahren und ist dafür gestorben. Aber er ist nicht im Tod geblieben. Die Hoffnung, die Jesaja verheißen hat, und deren Erfüllung mit Jesu Kommen begann, hat mit Ostern neue Kraft erhalten. Diese Hoffnung ist nicht totzukriegen. Sie bleibt lebendig, wo Menschen sich von dieser Hoffnung inspirieren lassen und versuchen, Frieden zu schaffen und Versöhnung zu leben, statt der Wut ihren Lauf zu lassen. Diese Hoffnung wird lebendig, wo sie nicht als weltfremde Spinnerei abgelehnt wird, sondern als Handlungsanweisung für unser Tun ernst genommen und als Ziel, dem wir entgegengehen, geglaubt wird. Im Advent denken wir an Jesu Kommen, aber wirklich Advent wird es, wenn seine Vision vom Reich Gottes in uns lebendig wird.

Im Namen aller Mitarbeiter und Kirchvorsteher wünsche ich Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit und Gottes Geleit im neuen Jahr.

Ihr Pfarrer Daniel Förster