„Zeit ist … Liebe“

Liebe Leserinnen und Leser,
eine Aufbauhelferin in einem krisengeschüttelten Land in Afrika erzählte von einer beeindruckenden Begebenheit, die sie in ihrem letzten Einsatz erlebt hatte. Sie berichtete:

„Am Tag, als ich Kenia verließ, traf ich zufällig ein kleines gehörloses Mädchen. Es blieb fast den ganzen Tag bei mir, ohne um etwas zu bitten, ohne dass es ungeduldig wurde. Das Mädchen beobachtete meine Gesten. Es sah mich in Eile meine Abreise vorbereiten und noch ein paar Sachen erledigen. Wann immer sich unsere Blicke trafen, lächelte es mich wie ein Blumengarten an, der in die sanften Strahlen des Sonnenaufgangs getaucht war. Es war geduldig mit mir, als wünschte es sich, dass ich mich ruhig an einen Ort setzen würde, damit seine Augen mich ungestört betrachten könnten. Ich war beeindruckt von der Gelassenheit, dem Frieden im Gesicht des Mädchens. Wie konnte ein gehörloses Kind diesen Eindruck vermitteln? Vielleicht, weil es die Hintergrundgeräusche des Lebens nicht hören konnte? Die Drohungen, die Schreie, das Gehabe der Stolzen und die vielen Unwahrheiten, die so viele mit einem Lächeln auf den Lippen in die Welt setzen.

Ich verstand nicht, wie das Mädchen so ruhig sein konnte, obwohl es so klein und extrem verletzlich war. Es war weder in der Lage zu hören, wenn eine Gefahr kam, noch um Hilfe zu schreien. Ich nahm seine Hand in meine und beruhigte mich ebenfalls. Plötzlich empfand ich, als ob ich nicht mehr in Eile war. Das Ticken des Zeigers auf meiner Uhr spielte keine Rolle mehr. Es war, als ob die Zeit stehen geblieben war. Und dann hatte ich das Bedürfnis, dem Mädchen etwas zu schenken. Dabei hatte ich nichts mehr vorrätig. Ich hatte einfach alles schon weggegeben. Nur noch meine Kleidung und mein Rückflugticket waren übrig. Doch hatte ich nicht nur das Gefühl, das geben zu müssen, was ich habe, sondern auch das, was ich bin. Also blieb ich bei dem kleinen Mädchen. Ich hielt es in meinen Armen und lächelte zurück. Und dann sah ich auf seine Hand in meiner Hand und sah meine Uhr. Ich löste sie und band sie an die zarte Hand. Das Mädchen konnte sie nicht ticken hören, aber es konnte sehen, wie sich ihre Zeiger bewegten. Es konnte die „Umarmung“ um sein zerbrechliches Handgelenk spüren. Ich gab dem Mädchen die Uhr, weil ich den Wunsch hatte, ihm etwas als Gegenleistung für all die Schönheit anzubieten, die es um sich herum verbreitete, für alles, was ich von ihm erhalten hatte.“

Was hatte die Frau von dem Mädchen erhalten? Sie hatte ZEIT erhalten. Jetzt verstand sie, woher der Frieden des kleinen Mädchens kam. Die Zeit ist das, was unseren Gang durch das Leben, unsere Hingabe an andere misst. Das kleine Mädchen war ein Waisenkind und gehörlos. Es vernahm weder das Läuten von Glocken noch das Rasseln von Waffen. Aber wenn es sich Zeit nahm, seine Hand in eine andere zu legen, schlich eine zarte Harmonie einfacher und aufrichtiger Gesten aus seinem Herzen. Diese Zeit schenkt keine Uhr. Eine Uhr misst nur, wie schnell die Momente vergehen, die wir uns gegenseitig widmen, oder zeigt uns die Stunden auf, die wir in der Hektik des Alltags verlieren.

Das Mädchen hatte keine Uhr. Es war aber nicht arm! Es hatte Liebe und Lebensfreude. Und es hatte ... Zeit. Liebe hat Zeit. Liebe gibt Zeit. Liebe eilt nie. Liebe richtet sich nach keiner Uhr. Und wenn eine Person mit Liebe im Herzen eine Uhr erhält, schaut sie sich diese nur an, um sich an ihr Treffen mit Menschen zu erinnern, an die Zeit, die sie in Stille zusammen verbringen, an das Einswerden in ihren Handflächen, das die ganze Zeit der Welt wert ist.

Warum hat Liebe Zeit? Weil sie von dem kommt, der über der Zeit steht, der seine Ewigkeit in Sekunden verwandelt und gekommen ist, um sie uns hier auf Erden zu bringen. Nur wer sich Zeit lässt, kennt Gelassenheit. Erst wo wir uns Zeit nehmen für Gott, für den Nächsten, für uns selber, ist ein Gebet, ein Gespräch, ein Sich-Vertiefen möglich. Nur da kann sich ereignen, dass der Mensch den Pfeil seiner Sehnsucht über das Hier und Heute hinausschießt ins Unendliche, weil „die Sehne seines Bogens noch nicht verlernt hat zu schwirren“ (Nietzsche).

Ich wünsche Ihnen eine von Liebe erfüllte und gesegnete Zeit.

Ihr Vikar
Matthias Müller